Iro iro na mono - Verschiedenes

Bayer und Preuß auf japanisch

In der Gebirgsbahn

Ich bin Rheinländer mit leidlichen Japanischkenntnissen und verbrachte vor einigen Jahren zwei Wochen Urlaub in Oberbayern in einem kleinen Gebirgsdorf. Einmal wollte ich mit der Bahn einen Ausflug nach München machen. Zu meiner großen Überraschung stieg mit mir zusammen eine japanische Familie in die Bimmelbahn. Mit Landsleuten aus Nippon hatte ich hier wirklich nicht gerechnet.

Erfreut setzte ich mich im Zug in die Nähe der Japaner und lauschte diskret ihrer Unterhaltung. Mit Sicherheit ahnten sie nicht, dass ich sie verstand. Ich erfuhr, dass sie ebenfalls nach München wollten und auch wußten, dass sie in der nächsten Kreisstadt um 10:15 Uhr umsteigen mußten. Zugleich erkannte ich, dass die fernöstlichen Touristen kein Wort deutsch konnten und auch die Bahnhofsschilder nur mit Mühe entziffern konnten. Unser Zug hatte Verspätung, um 10:15 Uhr war er noch lange nicht in der Kreisstadt eingetroffen, sondern hielt an einer winzigen Bedarfshaltestelle auf freier Wiese zwischen Kühen und Milchkannen. Die Japaner orientierten sich jedoch ausschließlich nach der Uhrzeit. So erhoben sie sich in der Annahme, pünktlich am Umsteigebahnhof angekommen zu sein, und marschierten schnurstracks zum Ausgang.

Ich dachte: Um Himmels Willen, dieses Unglück kann ich nicht zulassen. Die Leute kommen ja von hier nie mehr weg. So sagte ich: "Sumimasen ga, mada München ni norikaeru eki ni wa tsuite imasen. Densha wa chotto osoi desu. Koko ni wa mada oranai hoo ga ii ka mo shiremasen..." (Wir sind noch nicht da. Sie sollten hier besser noch nicht aussteigen). Die Frau bedankte sich ohne irgendwelche Anzeichen von Überraschung, und alle setzten sich wieder. Der Mann jedoch machte große Augen und sagte ungläubig (auf japanisch): "Was denn, sie sprechen japanisch?" - "Ja klar", antwortete ich spitzbübisch, " ist doch nichts besonderes."

Das war der Beginn einer angeregten heiteren Unterhaltung. Die Japaner hielten mich für einen Einheimischen, nicht ahnend, dass ich Tourist war wie sie selbst. Wahrscheinlich verwischen sich aus dem Abstand des japanischen Betrachtungsstandpunkts die feinen Unterschiede zwischen Bayer und Preuß.

Unterdessen kam der Schaffner, ein echt bayerisches Urgestein, zur Fahrkartenkontrolle. Die Japanerin war durch mein Beispiel mittlerweile zu der Überzeugung gekommen, alle Bayern können japanisch. So überfiel sie den Schaffner gleich mit einem japanischen Wortschwall. Der arme Mann guckte völlig konsterniert und stotterte verschreckt: "Jo mei, bitt'schön, wos sagn'S? I versteh' Eahna net!"

Ich konnte nicht widerstehen, die Komik der Situation auzukosten, und entgegnete in absichtlich überakzentuiertem Hochdeutsch: "Mein Herr, die Dame hat lediglich nach dem Bahnsteig für den Zug nach München gefragt. Diese einfache Frage wird das Servicepersonal der Deutschen Bahn AG doch wohl noch beantworten können, oder?" - Kopfschüttelnd entfernte sich der arg mitgenommene Schaffner, unüberhörbar brummelnd: "Krutzitürken, Saupreiß'n, damische! Net mal g'scheit deutsch reden können's..."

-- 2003-08-07, Markus Zehnpfennig, Köln