Iro iro na mono - Verschiedenes

Das Diktiergerät

Auf unserer Japanreise 1997 hatte ich auch ein Diktiergerät dabei. Eigentlich wollte ich damit die Eindrücke dokumentieren, weil man schneller ein paar Sätze aufs Band spricht als in ein Tagebuch schreibt. Dachte ich jedenfalls. Wie sich zeigte, war es lästig, das Gerät rauszuholen, und die Aufnahmequalität war so schlecht, dass ich beim Abhören des Bandes oft kaum verstehen konnte, was ich gesagt hatte. Und dabei hatte ich extra ein Sony-Gerät gekauft.

Bei einer Verschnaufpause auf einer Bank vor einem Bahnhof holte ich das Gerät aus meiner Tasche und diktierte meine Kamakura- Eindrücke und Gefühle. Danach legte ich das Gerät neben mich auf die Bank.

Nach 15 Minuten brachen wir zur Rückkehr nach Yokohama auf. Wir unterhielten uns über den schönen Tag und die weiteren Pläne, als mir nach etwa einer Stunde auffiel, daß ich mein Gerät auf der Bank vor dem Bahnhof liegengelassen hatte. Innerlich hatte ich das billige Teil schon abgeschrieben, aber unsere japanischen Freunde Tsutomu und Shinobu waren guter Hoffnung, und in einem der Bahnhöfe, die wir passierten, eilten sie an eines der vielen grünen Telefone und versuchten zunächst, das Büro der Bahnhofsstation, an der wir pausierten, zu erreichen. Es gelang. Tsutomu schilderte, was mir passierte, und man wies ihn an, in ein paar Minuten wieder anzurufen, man wolle nachsehen, ob das Gerät noch an Ort und Stelle sei.

Und tatsächlich, als wir nach 10 Minuten erneut anriefen, sagte man, ja, das Gerät sei sichergestellt worden. Doch wie sollten wir es zurückbekommen, wir waren ja schon weit entfernt vom Bahnhof.

Der Bahnhofsbeamte hatte die ausgezeichnete Idee, das Gerät einfach einem Zugfahrer, der in unsere Richtung fuhr, mitzugeben. Wir vereinbarten einen Bahnhof in unserer Nähe, an der das Gerät abgegeben werden sollte und bedankten uns. Als wir nach einer halben Stunde an benanntem Bahnhof nachfragten, händigte ein Bahnhofsbeamter uns tatsächlich mein Diktiergerät wieder aus, mit einem kurzen "Ah, gaijin"- Lächeln. Nicht, daß ich an der Freundlichkeit der Japaner gezweifelt hätte, aber ich war doch freudig erstaunt, den Rekorder nochmal wiederzusehen. Etwas ähnliches passierte mir später nochmal mit der Fototasche, die ein halbes Dutzend schon belichteter Diafilme enthielt und die ich auf einem Stein vor einem Tempel liegenließ. Auch diese Tasche erhielten wir zurück.

Nun stellen Sie sich die Situation mal in Deutschland vor. Zunächst würde das Gerät nicht lange auf einer unbewachten Sitzbank überleben, ohne unfreiwillig einen neuen Besitzer zu finden. Und ob sich die deutschen Bahnhofbeamten so hilfsbereit zeigen, ist auch nicht sicher.

-- 17.07.2001, Michael Otto