Bunka - Kultur

Kinder ohne Kindheit

ZDF-Korrespondent Thomas Euting schildert die schwere Kindheit von Japanischen Kindern, die ständig unter Erfolgszwang stehen, zuweilen bereits vor der Geburt. Die Darstellung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des ZDF (Dr. Peter Berg), ergänzt mit Bildern meiner Frau Eva Hagedorn.

Versagen verboten

Seit fünf Jahren lebe ich in Tokio. Einer meiner Nachbarn ist ein 80-jähriger Bonsai-Gärtner. So manches Mal haben wir ein Bier geteilt und über seine Minibäumchen und den Gang der Welt geplaudert. Jetzt steht der alte Mann zwischen seinen Bonsais und blickt hinüber zum Kindergarten. Dort geht es zu wie einst bei der kaiserlichen Armee: Befehle ertönen, aus dem Knäuel der Dreijährigen stürzen Kinderfüße den Kommandanten entgegen, formieren sich sekundenschnell in Hab-Acht-Stellung. Die Kindergärtnerinnen inspizieren die Truppe und verkünden den Tagesbefehl: Spielend gehorchen!

"Ja, ja ... " - sagt der 80-jährige Bonsai-Gärtner: "... so ist es richtig: Natur will geformt werden. Dann erst entfaltet sie ihre ganze Schönheit".

Und während Herr Kato, den die Kinder "Bonsai-Opa" nennen, seine Bäumchen bearbeitet, ihre Wurzeln manipuliert und ihre Zweige mit Draht in die gewünschte Form zwingt, erklärt er mir, warum diese kleinen Japaner dort drüben anders als die Kinder in anderen Länder sind.

Die Karriere beginnt bereits im Mutterleib

"Weil ihre gesamte Kindheit sie lehrt, dass das Wichtigste im Leben die Fähigkeit zur Unterordnung ist! Insofern sind Kinder wie Bonsais: Sie müssen so früh wie möglich von den Wurzeln her zurechtgestutzt und in die richtige Form gebracht werden ..."

Diese Bonsai-Theorie bringt Professor Hideo Obara in Rage. Er, der in Amerika studiert und deshalb den kritischeren Blick "von draußen" gelernt hat, vergleicht die Ausbildung von Nippons Söhnen und Töchtern gern mit der Dressur eines Schoßhündchens: "Japanische Kinder können mit zwei Jahren Klavier spielen, aber mit sechs keine Banane schälen", meint der Verhaltensforscher: "Die Entwicklung von selbstständigem und kreativem Handeln bleibt in japanischen Kindergärten auf der Strecke. Statt dessen züchten wir menschliche Roboter heran!"

Der Blick über den Zaun meines Nachbarn und Bonsai-Gärtners scheint dem Professor Recht zu geben: Zumindest als Ausländer spürt man, dass der Ernst des Lebens in jenem Kindergarten bereits im Windelalter beginnt, denn nicht Spielen und Lachen steht auf dem Stundenplan, sondern hartes Lernen und höchste Leistung.

Wie ziehe ich Genies heran?

Damit dabei nichts schief geht, steht jedem der lieben Kleinen im Kindergartenbetrieb ein Butler zur Seite - die Mama: Sie zieht das Kind an, bindet seine Schuhe zu, schält das Obst und reicht den Saft. Und sie achtet darauf, dass der Sprössling aufs Wort gehorcht und ja nichts Falsches sagt. Das könnte tödlich sein für die Karriere, denn die beginnt in Japan bereits im Mutterleib.

Auf der Reisstrohmatte liegt ein Bestseller-Buch. Sein Titel: "Wie ziehe ich Genies heran?" Daneben liegt Frau Takahashi. Sie ist im dritten Monat schwanger. Aus dem Lautsprecher auf ihrem noch flachen Bauch ertönt eine monotone Stimme: Vokabeln werden verlesen, auf einem Monitor erscheinen die dazugehörigen japanischen und englischen Schriftzeichen.

"Bei diesem vorgeburtlichen Trainingsprogramm dringen Sprache und Bilder in mich ein", sagt Frau Takahashi - "das schult und fördert die Intelligenz des Kindes, das ich in mir trage." Und wie zur Bekräftigung zitiert sie aus ihrem Buch: "Das perfekte Kind ist kein Wunder, sondern das Produkt von Erziehung!"

Dass Frau Takahashi daran glaubt, und mit ihr Millionen japanischer Mütter, ist das Verdienst des Pädagogen Manabu Shichida. Mit seiner "visuell-suggestiven Methode", die er in 330 sogenannten Kinder-Akademien anbietet, ist er zum Guru der "Bildungsmütter" geworden.

Nach konsequentem pränatalen Training setzt Frau Takahashi auch nach der Geburt ihrer Tochter weiter auf die Shichida-Methode: Mit neun Monaten hockt die kleine Miho auf ihrem Windelpo und konzentriert sich auf sogenannte "Flashcards", die ihr die Mutter im Sekundentakt zeigt. Dabei spricht sie die Schriftzeichen aus, die auf den Kärtchen zu sehen sind. Dank dieser Methode kann die kleine Miho bereits japanisch lesen. Mit zwei Jahren wird sie englisch sprechen und mit drei bereits ein Tagebuch führen. Dass sie mit anderthalb Jahren schon Klavier spielt, wird sie einem anderen Kartensatz verdanken.

Damit dürfte Miho fit sein für das, was man in Japan die "Examenshölle" nennt: Eine lange Reihe strenger Aufnahmeprüfungen, an deren Anfang der Eingangstest in den Kindergarten steht, gefolgt von Aufnahmeprüfungen für die Grund- und Oberschule und schließlich für die Universität.

Eltern, die ihren Kindern diesen Marsch durch die Karrierehölle ersparen wollen oder ihn sich nicht leisten können, verurteilen den Nachwuchs zu einer beruflichen Karriere zweiter Klasse. Denn nur dem, der die besten Schulen besucht und seinen Abschluss an einer der Top-Universitäten geschafft hat, stehen in Krisenzeiten wie heute noch die Türen zu einem lebenslang garantieren Arbeitsplatz bei Sony, Toyota und Panasonic weit offen.

IQ über 200 - und todmüde

Den beschwerlichen Weg an die Spitze ebnen sogenannte "Jukus": Private Pauk-Schulen, die für eine Gebühr ab 1.500 Mark im Monat das Bestehen aller Aufnahmeprüfungen und den Zugang zu den Spitzenhochschulen des Landes garantieren.

Der elfjährige Kaito-Ohta hat zwar einen Intelligenzquotienten von über 200, aber der nutzt ihm wenig, wenn er einfach nur todmüde ist. Zum Glück ist die U-Bahn voller Büroangestellter, so kann er auf dem Weg zur Abendschule wenigstens nicht umfallen. Jeden Nachmittag, im Anschluss an die Schule, muss er dorthin: Eine Stunde Bahnfahrt pro Strecke. Vor 22.30 Uhr ist er nie zu Hause. Woanders nennt man das geraubte Kindheit, erzähle ich ihm. "Nein, nein", lacht er: "Alles kein Problem! An die viele Paukerei und den wenigen Schlaf habe ich mich längst gewöhnt. Das ist doch normal, oder?!"

Aufopferung für die Karriere des Kindes

Seine Mutter ist Lehrerin. Ihrem Sohn zuliebe hat sie ihren Beruf aufgegeben. "So kann ich mich besser der Förderung seiner Talente und seiner beruflichen Zukunft widmen", sagt sie. Und damit tut sie das, was in der japanischen Gesellschaft das höchste Ideal für Frauen ist: Sie opfert sich auf - für die Karriere des Kindes.

Der Vater, Ingenieur bei NEC, hinterlässt kaum Spuren im Familienleben. Er hat seine eigenen Karriereprobleme und sieht - statistisch betrachtet - sein Kind ohnehin nur zwölf Minuten pro Tag.

Sohn Kaito geht in die fünfte Klasse der "Shotoku Gakuen", einer der berühmtesten privaten Grundschulen Japans. Dort gibt es 233 Jungen und 120 Mädchen im Alter von sechs bis zwölf - und so viele Lehrer, dass die Klassenstärke unter zehn Schülern liegt.

Das Unterrichtsziel heißt Hochbegabtenförderung. Und Kaito ist das Aushängeschild: Er gilt als eines der intelligentesten Kinder Japans. Vorgeburtliches Lerntraining, Flashcards und eine spezielle Paukschule für die IQ-Förderung bei Kleinkindern gehören zu seinem bisherigen Ausbildungsweg.

Als Kaito im zarten Alter von sechs in der Aufnahmeprüfung gefragt wurde, "welche Formel die Zahl Neun ergibt", antwortete er ohne Zögern: "Zum Beispiel 1 + 8". Bei der "Mathe-Olympiade für Kinder" stand er bereits auf dem Siegertreppchen. Doch selbst damit war der Weg in diese Eliteschule noch lange nicht frei: Auch Kaitos Eltern wurden getestet: Sie mussten sich einem Intelligenztest unterziehen, über ihren Ausbildungsweg Rechenschaft ablegen, eine Empfehlung ihrer Arbeitgeber präsentieren und in Anwesenheit der Prüfer mit dem eigenen Kind über "japanische Werte" diskutieren.

Nach zwei Jahren hatte Kaito den gesamten Unterrichtsstoff der Klassen eins bis sechs bewältigt. Seitdem langweilt er sich. Denn Klassen überspringen darf er nicht, das verbietet die Schulordnung. Die Harmonie an der Schule geht vor, meint der Rektor. Ersatzweise hat sich Kaito auf einen Leistungskurs "Klassische Musik" gestürzt. Nun komponiert er, und seine öffentlichen Auftritte werden in der Presse gefeiert. Doch der Junge träumt von anderen Sphären: Er will Astronaut bei der japanischen Weltraumbehörde werden.

Er hat das Zeug dazu, vor allem aber die richtigen Eltern: Sie leisten sich nicht nur eine der teuersten Paukschulen, um Kaito auf die nächste Karrierestufe - die Eliteoberschule - vorzubereiten. Sie geben auch sehr viel Geld für Lernmittel aus.

Eine Zeitschrift für Drei- bis Fünfjährige

Einer der erfolgreichsten Anbieter ist die Firma "Benesse", die sich auf "Nachhilfeunterricht" spezialisiert hat und damit vier Millionen Kinder betreut, darunter 170.000 Babys. Dabei kommen Lernvideos, pädagogische Computerspiele und, kaum zu glauben, eine Zeitschrift für Drei- bis Fünfjährige zum Einsatz. Angeboten wird solche "Kleinkindererziehung im Multimedia-Pack" von Windelherstellern, Erdölkonzernen und Verlagshäusern. "Gedächtnisbildung durch audiovisuelle Bearbeitung" nennen das die Verkaufskataloge: Ein Milliardengeschäft - "Damit ihre Kinder eine Zukunft haben!"

So sind denn auch Kaitos Eltern besonders stolz darauf, dass er bereits mit anderthalb Jahren allein den Videorekorder mit einer Lernkassette und den Walkman mit einem Mathe-Band bestücken konnte.

"Die japanische Zwangsjackengesellschaft"

Der Psychologieprofessor Masao Miyamoto sieht in diesem Bildungsboom mit seiner Technikhörigkeit einen gefährlichen Trend, den er im Titels eines bekanntesten Buches auf den Punkt gebracht hat: "Die japanische Zwangsjackengesellschaft".

"Sehen Sie" - sagt Miyamoto, als wir uns zum Interview treffen, "wie jeder Japaner verbeuge ich mich vor Ihnen. Das steckt in uns drin. Wir machen uns klein, damit der andere sich größer fühlen kann. Und das nennen wir dann Respekt! Das Bild vom Bonsai lebt leider immer noch fort", sagt der 51-jährige Professor, den einige Medien hierzulande zum bestgehassten Mann Japans erklärt haben. "Das Ziel des Bonsai-Erziehungssystems ist die psychologische Kastrierung des Einzelnen. Entscheidungsstarke und konfliktfreudige Menschen sind in Japan unerwünscht. Sie wären mit dem Streben nach totaler Harmonie unvereinbar."

"Eine Folge davon ist, dass Japaner große Probleme damit haben, deutlich Ja oder Nein zu sagen. Sie vermeiden in der Regel jede klare Meinungsäußerung, was Ausländern den Umgang mit ihnen so schwierig macht. Wer aber seine ganze Energie darauf konzentriert, in einer Gesellschaft den Status Quo zu erhalten, der ist ungeeignet für jede Art von Wandel und Fortschritt."

"Schließlich haben Bonsais weder Augen noch Ohren ..."

Miyamoto selbst ist ein Opfer dieses Systems. Auch er hat die Prüfungshölle durchlaufen, auch er war ein "gehorsames Schaf, das der Herde folgt, wohin auch immer der Weg geht." Erst spät, nach vielen Auslandsaufenthalten und einer langen Suche nach den psychologischen Wurzeln japanischen Verhaltens, hat er begriffen, wie sehr er ein Leben lang unter seiner geraubten Kindheit gelitten hat - so sehr, dass er jetzt beschloss, seiner Heimat ganz den Rücken zu kehren und in Amerika zu leben.

"Das ist mein Protest", sagt er zum Abschied: "Doch ich befürchte, kaum jemand in Japan wird ihn verstehen - schließlich haben Bonsais weder Augen noch Ohren ..."