Ryokô - Reise

Ôsaka - Osaka

Osaka HochhausIn Ôsaka erwartete uns am Bahnhof eine E-Mail-Freundin. Zwar hatte ich per Mail schon ein Foto erhalten, aber die kleine Dame war in ihrer knallroten Jacke und dem pechschwarzen Kleid nicht zu übersehen.

Shigemi war mit ihrem Wagen zum Bahnhof gekommen, um uns abzuholen. Zunächst fuhren wir auf einen Aussichtspunkt, einem kleinen Hügel, um auf Ôsaka im Abendlicht hinabzublicken. Die untergehende Sonne leuchtete auf ein dicht besiedeltes Häusermeer, durch das sich der Todo-Fluss schlängelte. Das Bild zeigt Ôsaka Innenstadt, ebenfalls im Abendlicht, von einer Sky-Lounge aus, welchen wir tags darauf besuchten.

Die Wohnung war für uns eine echte Überraschung. Die Familie, Shigemis Mann und drei Kinder, lebten in einem kleinen Reihenhaus mit zwei Zimmer, Koch-Essraum und einem Bad. Gleich über dem Eingang hingen 5 Helme, die uns daran erinnerten, dass vor nicht allzulanger Zeit ein grosses Erdbeben in dieser Region stattfand. Die Eltern schliefen in einem Zimmer mit grossem Holzschrank und Zugang zu einem kleinen Balkon, die drei Kinder nebenan. Die grosszügige Einladung nach Hause bedeutete für die Familie, dass alle fünf im Kinderzimmer schliefen, und wir im Elternschlafzimmer untergebracht wurden.

Im Essraum, sozusagen das Zentrum der Wohnung, von dem alle anderen Zimmer ausgingen und der durch einen Vorhang von der Küche getrennt war, blickten wir erstaunt auf einen kleinen Hausaltar, der im obersten Fach eines Schrankes plaziert war. Shigemi erklärte uns, dass ihr Mann morgens immer vor dem Altar für die Familie bete.

Die Räucherstunde

Ihr Mann Hiroshi hatte aber noch ganz andere Talente, wie wir dann abends feststellen durften. Er hatte für die Abendspeise einen frischen Lachs besorgt und dann eine kleine Kiste innen mit Alufolie ausgekleidet. Mit Kiste und Fisch begab er sich dann vor die Wohnung, nachdem er uns mitteilte, dass er diesen Lachs nun räuchern werde.

Während wir auf den Fisch warteten, hatten wir einiges zu erzählen. Shigemi's egnlisch war ok, doch auch mit Hiroshi, ihrem Mann, hatten wir kaum Probleme, obwohl er so gut wie kein englisch sprach und ich mit seinem Japanisch auch nicht viel anfangen konnte. Aber er war so lustig, dass wir auch ohne Warte ausgezeichnet zurechtkamen.

Als er am späten Abend den Fisch hereinbrachte und servierte, waren wir begeistert! Der saftige, würzige Fisch zerfiel auf der Zunge, wahrhaft eine hausgemachte Delikatesse. Sushi hatte ich ja erwartet, aber einen solch köstlichen Räucherlachs aus der selbstgebastelten Schachtel hätten wir uns nicht träumen lassen. Aber Ôsaka hatte noch einige Überraschungen zu bieten.

Ôsaka-Burg

Osaka BurgNachdem uns das Wetter bisher nicht gerade verwöhnt hatte, zeigte sich Ôsaka zum Glück von seiner sonnigen Seite. Auf dem Plan unserer Freunde stand zunächst die Ôsaka-Burg. Die prunktvoll aufbereitete Burg, eine Rekonstruktion aus dem Jahr 1931, war ursprünglich von HIDEYOSHI Toyotomi als uneinnehmbare Burg 1583 gebaut und dann jedoch zweimal zerstört worden.

Der Andrang in die Burg war enorm. Ältere Leute stellten sich in die lange Warteschlange vor den Fahrstuhl, daher wandten wir uns zur Treppe und schoben uns mit vielen anderen Japanern durch die engen Flure. Die Räume der Burg beherbergen heute ein Museum, an das ich mich nicht mehr so recht entsinne, also keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Weiter ging es durch Ôsaka, dass mir als moderne Großstadt in guter Erinnerung geblieben ist. Nach einem kleinen Mittagessen erklommen wir auch die oberste Etage eines Hochhauses, um auf Ôsaka hinunterzublicken. Dabei fiel mir auf, dass sich auf den Dächern vieler Hochhäuser kleine Torii mit Altären befanden. Diese seien aufgestellt worden, um für die Sicherheit der Häuser zu beten, meinte Hiroshi.

Osaka SchreinDas Thema Altar tauchte wieder auf, als uns am frühen Abend Hiroshi einen kleinen Buddha zeigte, der in der Nähe einer Bar stand, die er wohl während seines Studiums des öfteren besucht hatte. Natürlich zollten wir auch Respekt und befeuchteten die bemossten Schultern des Buddhas mit einem Schluck Quellwasser.

Häägen Dazs

Shigemi hatte uns verraten, dass sie für den Abend noch eine Überraschung geplant hatte. Wir betraten ein 0815-Hochhaus, wo anscheinend noch etwas stattfinden würde, aber wir waren wohl zu früh dran. Shigemi meinte, wir müssten noch ein wenig Zeit totschlagen, also schlenderten wir noch durch die Strassen.

Häägen DaszAn einer Strassenecke tauchte dann tatsächlich ein bekanntes Schild auf: Häägen Dazs! Einem leckeres Eis konnten wir dann nicht widerstehen und betraten den Laden. In einer etwas schummerigen Atmosphäre gab es einen Clown, der einen Roboter mimte. Er bewegte sich nicht, bis jemand ein Geldstück in eine Box vor ihm einwarf. Dann nahm er sich mit ekigen Bewegungen ein Stück bunten Draht, und in Null-komma-nichts zauberte er mit Hilfe einer Zange aus dem Stück Draht eine Figur, die er dem Geldspender überreichte. Kaum war die kleine Draht-Skulptur übergeben, verfiel der Roboter-Clown wieder in seine Starre.

Das konnte sich Eva nicht entgehen lassen. Mutig warf sie eine Münze in die Box, und der Clown bog ihren Draht in die Form eines Delphines, und zwar in nicht mal 30 Sekunden. Dieses Souvenier war so geformt, dass sie ihn sogar wie einen Ring auf den Finger stecken konnte.

Was sich die Leute nicht alles einfallen lassen. Nach diesem Erlebnis waren wir gerüstet für die Überraschung des Abends.

Die Überraschung

Wir kehrten zurück zu dem Hochhaus, das wir uns schonmal angesehen hatten, und betraten eine "Wohnung", eher einen Eingang in ein kleines Theater, mit einigen Sitzreihen vor einer Bühne. Ich wusste, was auf uns zukommt, aber Eva war nicht eingeweiht und sehr gespannt.

Wir gingen zu unseren Plätzen in dem kleinen Raum. Ausser uns waren nur Japaner anwesend, die wenig Notiz von uns nahmen. Die Atmosphäre war recht locker, und wir warteten, was passieren würde.

Osaka TransvestitenshowNach einer Weile kamen einige Damen und fragten, was wir trinken wollten. Obwohl...bei einigen "Damen" waren die Gesichtszüge ein wenig zu hart, um wirklich weiblich zu sein. Es waren Transvestiten, wohl die späteren Stars des abends, die sich jetzt unter die Gäste mischten und Smalltalk hielten. Nun war es raus. Shigemi hatte mich vorher gefragt, ob wir Eva eine solche Show zumuten könnten, und ich sagte, kein Problem! Später sollte ich mich dann selber fragen, wie ICH eigentlich dazu stehe...

Auf dem Bild sind wir mit unserer "Tischdame" zu sehen. So im Nachhinein finde ich immer noch, dass er (sie?) eine sehr angenehme Ausstrahlung hatte. Wir sprachen darüber, wo wir herkamen, dass wir eine Reise durch Japan unternehmen, und wo wir schon überall gewesen sind.

Einige Tische vor uns war der Ton rauher. Die Tischdame einer Herrenrunde vor uns war eher von einem stämmigen Format in Frauenkleidern. Der kleinste der Runde wurde offenkundig ausgeguckt, um Streiche über sich ergehen zu lassen. Er musste derbe "Streicheleinheiten" von der Tischdame über sich ergehen lassen, ebenso grobe Witze, die seine Kollegen zu prustenden Lachanfällen hinrissen. Da hatten wir ja nochmal Glück gehabt.

Die eigentlich Show war wie eine Revue im Kleinformat aufgezogen, wobei wir wieder staunten, welch erstaunliche Figur die meisten Akteurinnen zeigten, die natürlich im Laufe der Show alles fallen liessen, ausser den Höschen.

Als ich schon dachte, der Abend sei gelaufen, musste ich noch eine einige Schrecksekunden durchstehen, denn eine der Tänzerinnen hatte wohl eine Auge auf die blonde Langnase geworfen und mich bereits kurz vor Beginn der Show nach meinem Namen gefragt. "Maikel...ahhh". Mir schwante schon böses. Immer wieder während der Show zwinkerte sie mir zu und gab mir mit Handsignalen zu verstehen, auf die Bühne zu kommen, was mich aber nur dazu veranlasste, tiefer in meinen Stuhl zu sinken und ihr möglichst nicht in die Augen zu schauen.

Schliesslich gab sie auf und beliess es dabei, mir zuzuwinken. Als dann irgendwann die stämmige Dame von der Bühne stieg und sich wieder über den armen kleinen Kollegen der Herrenrunde hermachte, verlagerte sich die Aufmerksamkeit, und die japanischen Witze, die natürlich gänzlich an uns vorbeigingen, taten ihr übriges. Dieser Auftritt war jedenfalls eine Erfahrung, die wir nicht vergessen haben und ohne Shigemi und Hiroshi auch nie so erlebt hätten.

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