Ryokô - Reise

Kamakura - Kamakura

Der grosse Buddha von KamakuraGleich an unserem ersten richtigen Tag in Japan zeigte sich das Wetter von seiner besten Seite. Die Sonne schien so heiss vom Himmel, daß wir uns den ersten asiatischen Sonnenbrand einfingen. Doch trotz des Wetters und obwohl es Sonntag war, hielt sich der Andrang in Grenzen. Wir kauften ein Tagesticket (Enoden one day free ticket) für 570 Yen.

Das südwestlich von Tokyo direkt am Meer gelegene Kamakura war in der Zeit von 1185 bis 1333 die Hauptstadt Japans und hat neben zahllosen Tempeln auch einen der beiden großen Buddhas Japans zu bieten. Der zweite, noch größere Buddha, den wir später bewundern konnten, steht in Nara.

ReinigungsbrunnenAuf dem Weg zur Statue passierten wir einen kleinen Waschbrunnen (Chouzuya - Chôzuya), an dem sich vor Betreten eines Tempels reinigt. Kleine metallene Schöpfkellen (Hishaku - Hishaku) mit Holzgriffen waren rund um den Brunnen verteilt. Mit diesen Kellen schöpft man ein wenig Wasser aus dem Brunnen und gießt sich das Wasser über die Hände. Japaner trinken auch einen Schluck, oder spülen kurz den Mund. Natürlich spuckt man das Wasser nicht wieder zurück in den Brunnen, sondern läßt es in eine um den Brunnen laufende Abflußrille tropfen. Unter lächelnden Blicken junger Japaner beließ ich es beim Händewaschen.

Der große Buddha (Daibutsu - Daibutsu)

So gereinigt sahen wir endlich den Buddha. Fertiggestellt wurde die 11,4 Meter hohe Bronzestatue im Jahr 1252. Sie stand bis zum Jahr 1495 in einer großen Halle, als eine große Flutwelle, ein Tsunami, das Gebäude zerstörte und nur die Fundamente und die Statue stehenließ.

Es ist schon ein erhebender Augenblick, wenn man zum ersten mal den ruhig meditierenden Buddha gegenübersteht, obwohl er mir in jenem Augenblick kleiner vorkam, als ich erwartet hatte. Tsutomu überraschte mich dann, als er uns zeigte, daß der Buddha, der innen hohl ist, von "geentert" werden kann. Der Eintritt in das muffige Innenleben kostet ein paar Yen, aber wann kommt man sonst schonmal IN einen Buddha! Von innen sieht man, wie die gesamte Statue aus vielen einzelnen Bronzeplatten zusammengesetzt ist. Übrigens wurde Anfang der 60'er Jahre der Nacken des Buddha restauriert, damit die Statue Erdbeben besser standhalten kann.

Der Hase Kannon Tempel - Hasedera

Kleine Buddhas am HasederaSozusagen gleich nebenan ist die schöne Anlage des Hasedera (Hasedera), die einen Garten und zahlreiche Gebäude umfaßt. Erschreckend für uns waren die kleinen Buddha-Statuen, die zu beiden Seiten des Jizo-Tempels aufgestellt sind. Diese Figuren repräsentieren Jizo Boddhisattva, den Schutzpatron der Reisenden und der Seelen der verstorbenen Kinder. Dabei geht es um Kinder, die durch Abtreibung oder Fehlgeburt ums Leben gekommen sind. Abtreibung ist in Japan immer noch eine praktizierte Art der Geburtenkontrolle. Der Wortlaut auf den Eintrittskarten zum Tempel klingt allerdings etwas prosaischer: "Die Figuren erinnern an die bedauerlichen Kinder, denen es nicht vergönnt war, in die Welt geboren zu werden."

Eintrittskarte HasederaEtwas freundlicher war der Anblick der neun Meter hohen Kannon-Statue, die größte hölzerne Kannon-Statue in Japan, genannt Elf-Gesichtige Kannon (Juuichimen Kannon - Juuichimen Kannon), die Göttin der Gnade und Barmherzigkeit. Tatsächlich hat die Statue 11 Gesichter: je drei Gesichter blicken nach vorn, nach rechts und nach links, eines blickt zurück und eines nach oben. Mit all diesen Gesichtern hält die Göttin unablässig Ausschau nach Seelen, die ihre Hilfe benötigen.

Auf zum Strand

Für uns ging es zu Fuß weiter auf dem Weg durch Kamakura, vorbei an kleinen Läden entlang der Straße, in denen allerlei interessante Gewürze, Speisen, Früchte, Nüsse und Unbekanntes auslag. Allerdings waren nicht alle begeistert, als Eva den Fotoapparat auf die Auslage richtete. Zum Glück verstanden wir die Schimpfworte nicht...beim nächsten Laden probierte ich daher ein wenig Japanisch: "Darf man hier fotografieren? Shashin wo totte mo ii desu ka?" Sofort lächelten die Besitzer uns an und posierten.

Tagesticket für die BahnNachdem wir uns mit einem kleinen Imbiß gestärkt hatten, fuhren wir mit der Bahn an eine Haltestelle, wo wir zum Strand direkt am Meer hinausgehen konnten. Ein schöner Anblick - wäre es gewesen, wenn uns nicht der Wind die Sandkörnchen wie ein Sandstrahlgebläse um die Beine getrieben hätte. Wir fanden jedoch oberhalb des Strandes einen wunderschönen Aussichtspunkt mit Blick über die gesamte Bucht. Ich kann verstehen, warum viele Tokyoter gerne hierher kommen.

Diese angenehme Einführung in das Land Japan hätte mit diesen Eindrücken enden können, aber durch ein Mißgeschick von mir gab es noch ein wenig Trubel und ein Beispiel dafür, wie hilfsbereit Japaner sein können.

Die Reise des Diktiergeräts

Ich hatte noch gar nicht erwähnt, daß ich ein Diktiergerät (Sony, weils so gut passt) mitgenommen hatte. Eigentlich wollte ich damit die Eindrücke dokumentieren, weil man schneller ein paar Sätze aufs Band spricht als in ein Tagebuch schreibt. Dachte ich jedenfalls. Wie sich zeigte, war es lästig, das Gerät rauszuholen, und die Aufnahmequalität war so schlecht, dass ich beim Abhören des Bandes oft kaum verstehen konnte, was ich gesagt hatte.

Bei einer Verschnaufpause auf einer Bank vor einem Bahnhof holte ich das Gerät aus meiner Tasche und diktierte meine Kamakura- Eindrücke und Gefühle. Danach legte ich das Gerät neben mich auf die Bank.

Nach 15 Minuten brachen wir zur Rückkehr nach Yokohama auf. Wir unterhielten uns über den schönen Tag und die weiteren Pläne, als mir nach etwa einer Stunde auffiel, daß ich mein Gerät auf der Bank vor dem Bahnhof liegengelassen hatte. Innerlich hatte ich das billige Teil schon abgeschrieben, aber Tsutomu und Shinobu waren guter Hoffnung, und in einem der Bahnhöfe, die wir passierten, eilten sie an eines der vielen grünen Telefone und versuchten zunächst, das Büro der Bahnhofsstation, an der wir pausierten, zu erreichen. Es gelang. Tsutomu schilderte, was mir passierte, und man wies ihn an, in ein paar Minuten wieder anzurufen, man wolle nachsehen, ob das Gerät noch an Ort und Stelle sei.

Und tatsächlich, als wir nach 10 Minuten erneut anriefen, sagte man, ja, das Gerät sei sichergestellt worden. Doch wie sollten wir es zurückbekommen, wir waren ja schon weit entfernt vom Bahnhof.

Der Bahnhofsbeamte hatte die ausgezeichnete Idee, das Gerät einfach einem Zugfahrer, der in unsere Richtung fuhr, mitzugeben. Wir vereinbarten einen Bahnhof in unserer Nähe, an der das Gerät abgegeben werden sollte und bedankten uns. Als wir nach einer halben Stunde an benanntem Bahnhof nachfragten, händigte ein Bahnhofsbeamter uns tatsächlich mein Diktiergerät wieder aus, mit einem kurzen "Ah, gaijin"- Lächeln. Nicht, daß ich an der Freundlichkeit der Japaner gezweifelt hätte, aber ich war doch freudig erstaunt, den Rekorder nochmal wiederzusehen. Etwas ähnliches passierte mir später nochmal mit der Fototasche, die ein halbes Dutzend schon belichteter Diafilme enthielt und die ich auf einem Stein vor einem Tempel liegenließ. Auch diese Tasche erhielten wir zurück.

Nun stellen Sie sich die Situation mal in Deutschland vor. Zunächst würde das Gerät nicht lange auf einer unbewachten Sitzbank überleben, ohne unfreiwillig einen neuen Besitzer zu finden. Und ob sich die deutschen Bahnhofbeamten so hilfsbereit zeigen, ist auch nicht sicher.

Ausklang des Tages

Zum Ende dieses ersten richtigen Urlaubstages in Japan speisten wir in einem Restaurant in der obersten, 8. Etage eines Department Stores in Yokohama. Viele Einkaufshäuser haben in der obersten Etage eine reiche Auswahl an kleinen Restaurants, viele mit Fenstern (Showcase), in denen alle angebotenen Gerichte als Kunststoffnachbildung sozusagen lebensecht ausliegen. Das erleichtert enorm die Auswahl.

Allerdings brauchten wir uns um die Auswahl keine Sorgen zu machen, denn unsere Gastgeber bestellten ein reichhaltiges und abwechslungsreiches Menü, inklusive Sushi, Sashimi und Tempura. Es war köstlich.

Am Nebentisch wurde offensichtlich auch ein Sonntagsausflug stilvoll abgeschlossen. An einem großen Tisch saßen etwa 10 Personen um einen großen Topf herum. Vor dem Topf stand ein Riesenteller, belegt mit rosa-weiß schimmernden, dünnen Fleischstückchen. Obwohl es farbmäßig verdächtig dem draußen gezeigten Plastikessen glich, schien es gut zu schmecken. Die große Runde labte sich an Shabu-shabu, wobei sie die Fleischscheibchen kurz in den Topf und dann in eine Soße tunkten, und aßen.

Gut gesättigt und nach einem Bad im Zuber entspannt planten wir noch kurz den nächsten Tag. Leider mußte Shinobu wieder arbeiten, aber Tsutomu hatte sich noch einen Tag frei genommen, und mit ihm wollten wir den Vormittag verbringen. Nachmittags wollten wir zu unserer nächsten Station, Sagamihara, aufbrechen, um Mamiko und Ichirou zu besuchen.

Weiter nach Yokohama...