Ryokô - Reise

Nikko - Nikko

Turtle InnWie in unserem Reiseführer angegeben nahmen wir den durchgehenden Zug der Tobu Nikko-Linie nach Nikko. Es führt auch eine Linie der JR dorthin, was für Besitzer des Japan Rail Passes von Vorteil ist, allerdings müssen Sie dann in Utsunomiya umsteigen. So erreichten wir nach zwei Stunden ruhiger Fahrt den Bahnhof von Nikko.

Zum ersten Mal allein unterwegs! Hier wie überall kamen wir gut mit dem japanischen Transportsystem zurecht, was nicht nur daran lag, dass wir meist wegen unseres Japan Rail Passes keine Tickets kaufen mussten.

Der Bahnhof in Nikko war eher unspektakulär, ebenso wie die Strasse, an der er lag. Der erste Lichtblick folgte jedoch, als wir in unserem Ryokan Annex Turtle Hotori anriefen. Sie schickten uns einen Mitarbeiter, der uns in einem hauseigenen Kleinbus abholte. Zum Glück, wie sich zeigte, denn der Fussweg hätte sich gezogen.

Zimmer im Turtle InnDas Annex Turtle gehört zum Turtle Inn Ryokan der Japanese Inn Group (wie alle Ryokans, die wir gebucht haben), ist aber neueren Datums mit schönen Zimmern, einem kleinen Onsen mit Blick auf den nebenan liegenden Fluss Daiwa, und einer Waschmaschine. Unser Zimmer teile sich auf in eine Nasszelle mit WC und einen Tatami-Raum mit Münzfernseher und Elektro-Ofen. Auf dem Tatami-Boden lagen zwei Futons pro Person: Einer als Unterlage, einer als Überdecke. Ein niedriger japanischer Tisch mit Sitzkissen komplettierte die Einrichtung.

YukataWas die Reiseführer schon andeuteten, fanden wir ebenfalls vor: Für jeden von uns ein gebügelter, weisser Baumwoll-Yukata mit blauem Muster und blauem Stoffgürtel. Die Grösse war nicht unbedingt für mich gemacht (185cm ist nun mal kein japanisches Standardmaß), aber diese Freizeitbekleidung war sehr angenehm zu tragen.

Wir reservierten uns schließlich noch einen Platz für das Abendessen im Ryokan. Mit 2000 Yen nicht ganz billig, aber wir wollten es einmal testen.

Am Daiya-Fluss

Waldweg mit BuddhasVor dem Abendessen wollten wir uns noch ein wenig die Beine vertreten und spazierten vom Ryokan aus ein wenig am Daiya-Fluss entlang. Fast direkt hinter dem Ryokan begann ein kleiner Weg, der von zahlreichen Buddha-Statuen gesäumt war, die fast alle ein rosa Häubchen als Kopfschmuck trugen.

In einem Reiseführer war die Rede davon, dass etwa 700 Buddhas an diesem Weg stehen würden, aber niemand könne die genaue Zahl ermitteln, denn die Zahl der Buddhas würde sich auf geheimnisvolle Weise immer wieder ändern. Der wahre Grund scheint mir aber eher zu sein, dass von manchen Buddhas nur noch ein Steinklumpen übrig ist und man nicht genau weiss, ob man diesen Stein noch mitzählen soll oder nicht. Auf jeden Fall war es ein schöner Spaziergang und gab uns durch den Wald am Wegesrand fast ein heimisches Gefühl.

Abendessen

Nachdem wir das Ryokan, welches nur wenige Minuten vom berühmten Toshogu Schrein entfernt lag, und die nähere Umgebung erkundigt hatten, bereiteten wir uns also auf das Überraschungsessen vor. Wir wussten zwar, was es kostet, aber nicht was tatsächlich geboten wurde.

Das Essen wurde nicht im Annex serviert, sondern im älteren Teil des Turtel Inns. Erwartungsvoll setzten wir uns an einen Tisch und warteten zusammen mit einigen anderen Gäste auf die Speisen.

Nach einigen Minuten brachte eine Angestellte einen grossen gusseisernen Topf und stellte ihn zwischen uns auf den Tisch. Der Topf enthielt neben Gemüse und kleinen weissen Pilzen auch rötlich schimmerndes Fleisch. Für jeden von uns gab es ein Tablett mit Teller, kleinen Schälchen mit Gemüse, eine leere Schale und ein rohes Ei. Danach verschwand die Frau wieder.

Nun passierte ein paar Minuten nichts. Dass es ein Topfgericht war, hatten wir schon erkannt, aber warum wurde es so wortlos auf den Tisch gebracht? Da aber die anderen Gäste ruhig blieben und während des Wartens am eingelegten Gemüse knabberten, fragten wir nicht weiter sondern warteten.

Die Lösung des Rätsels kam in Form einer Suppenbrühe, die von einem anderen Angestellten randvoll in den Topf gegossen wurde. Unter dem Topf entzündete er ein brennbares Gel in einer Schale. Jetzt ergab es auch einen Sinn...nun warteten wir geduldig, bis die Brühe heiss war, und vertrieben uns die Zeit damit, die Zutaten in die blubbernde Flüssigkeit zu tunken, bis die Flamme nach einigen Minuten erlosch.

Blieb noch die Frage, was wir mit dem rohen Ei anstellen sollten. Aus Deutschland waren wir Vorsicht gewohnt wegen der Salmonellengefahr, daher war uns das rohe Ei zunächst suspekt. Aber ich meinte irgendwo gelesen zu haben, dass das Fleisch kurz in rohes Ei gedippt und dann erst gegessen wird. Tatsächlich schmeckte das Fleisch dadurch noch besser. Später habe ich dann gelesen, dass wir Sukiyaku auf den Tisch bekommen hatten. Ahja...

Schreine und Tempel

Nach einem kleinen europäischen Frühstück im Annex brachen wir am nächsten Morgen frh auf, um uns die nahegelegenen Tempelanlagen anzuschauen. Wir waren beinahe die ersten Gäste auf dem grossen Tempelgelände.

Vor dem Eintritt stand der Erwerb des Tickets. Um alle Schreine und Tempel der Anlage zu betreten, müssten einzeln etwa 2400 Yen hingelegt werden. Es gibt jedoch ein Zwei-Schreine-Ein-Tempel-Ticket für etwa 900 Yen, was wir uns dann auch gekauft haben. Das Ticket gewährt Eintritt zu den Schreinen Tôshôgû (Toshogu) und Futaarasan-jinja (Futaarasan) und dem Tempel Rinnoji (Rinnoji).

Der empfohlene Weg durch die Anlage beginnt am Rinnoji. Leider war gerade die Halle der drei Buddhas, Sanbutsudo (Sanbutsudo), war leider gerade nicht zugänglich. Die grossen, goldlackierten Statuen konnten wir nur schemenhaft durch ein Holzgitter erkennen. Hinter der Halle ging es wieder auf einen Weg Richtung Tôshôgû.

Der Tôshôgû-Schrein

Die drei AffenNach diesem eher schwachen Start kamen wir jetzt zu den Highlights des Ortes. Der 1634-36 erbaute Tôshôgû-Schrein ist, ganz anders als schmucklose Zen-Schreine, pompös ausgestattet an Farbe und Verzierungen. Kurz hinter dem Eingang kommt schon auf der linken Seite ein Gebäude mit dem Wahrzeichen Nikkos: Eine Schnitzerei mit den drei Affen, die nichts Böses hören, sagen oder sehen.

Yomei MonWeiter Richtung Haupthalle des Schreins ging es durch das Yomeimon (Yomeimon), ein überaus reichlich verziertes und an vielen Stellen vergoldetes Tor. Dieses Tor ist so schön, dass die Erbauer befürchteten, dadurch den Neid der Götter auf sich zu ziehen und daher einen Stützpfeiler verkehrt herum anbrachten. Wie auch immer, das Tor ist wirklich sehenswert, auch wenn dieser Prunk letztlich ein wenig abschreckt.

Hinter dem Yomeimon geht es hinauf zu einigen Hallen, die allerdings nicht weiter besichtigt werden können. Über einen Weg werden wir aussen um die Hallen herum geführt. Auf dem Rückweg, als wir an einer Bank eine kurze Pause einlegen, werden wir von einem australischen Ehepaar angesprochen. Zum Abschluss des Gesprächs bekommen wir vom Ehemann einen interessanten Restaurant-Tipp aus seinem Reiseführer.

Restaurant mit vielen Visitenkarten an den WändenWir besuchten dieses winzige Restaurant, dessen Wände innen komplett mit Visitenkarten tapeziert war. Nach meinen ersten Curry-Udon habe ich dann auch meine Karte angeheftet. Vielleicht versuche ich beim nächsten Besuch, sie wiederzufinden, falls ich das Restaurant überhaupt wieder entdecke. Insgesamt gab es dort drei Tische, und die Inhaberin kochte persönlich, assistiert von ihrem etwa 10-jährigen Sohn. Nach dem Essen dachte ich allerdings, dass die Visitenkarten noch das Interessanteste an diesem Laden waren.

Chûzenji-See

Vor unserem Restaurant-Besuch lag noch ein weiteres Highlight, dachte ich jedenfalls nach den Worten vieler Reiseführer: Der Chûzenji-See mit dem höchsten Wasserfall Japans. Den mussten wir natürlich sehen.

Wie sich herausstellte, war die Busfahrt noch am abenteuerlichsten. Sowohl der Busfahrer des Hinwegs wie auch des Rückwegs versuchten, auf der Strasse sitzende Affen zu überfahren, doch die Paviane schafften es immer im letzten Augenblick, den Reifen des Busses auszuweichen. Nach einer durch die Fahrtechnik und die Kurven anstregenden Fahrt war dann ausser einem eher trostlosen Ort nichts ausser dreckigen Schneehaufen am Strassenrand zu sehen. Es war Ende März noch so kalt, dass die Schneeschmelze noch nicht begonnen und daher der Wasserfall noch gar nicht entstanden war. Nach dieser Pleite trösteten wir uns dann ein warmes Bad.

Baden im Onsen

Unser erstes Onsen-Erlebnis in Japan hatten wir abends im Annex, welches wir natürlich ausprobieren mussten. Eine Tafel auf der Tür wies darauf hin, dass jeder Besucher das Onsen für maximal 20 Minuten ganz für sich alleine haben durfte, die Tür war von innen verschliessbar. Nach einigen Anläufen, wo der Raum immer belegt war, bekamen wir dann unsere 20 Minuten.

Wie schon vorher bei unseren Freunden geübt seiften wir uns artig vor dem Bad ein. Die Vorstellung, sich dabei auf ein Höckerchen zu setzen und warmes Wasser über den Kopf zu schütten, ist wohl überholt. Ich habe mich ganz normal unter einer Dusche gesäubert. Die anwesenden Hocker waren für mich auch zu klein.

Das Wasser war sehr angenehm, obwohl ich zugeben muss, dass wir ein klitzeklein wenig kaltes Wasser einfüllen mussten, um nicht zu garen. Schon 5 Minuten im Wasser reichen aus, um danach wohlig unten der Futon einzuschlafen. Längere Zeiten im Wasser führen bei Ungeübten eher zu erhöhtem Herzschlag, also Vorsicht...

Weiter nach Tokyo...